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„Wenn ich jetzt an Solidarität denke, erinnere ich mich an meinen Einsatz hier“

Freiwilligeneinsatz von Esin in Wien

Die junge Esin aus der Türkei macht – trotz Gehbehinderung – einen Freiwilligeneinsatz bei Grenzenlos in Wien. In ihrem Bericht gibt sie Einblicke in ihren Einsatz, erzählt, dass sie sich früher oft nutzlos vorkam und ein negatives Bild von Solidarität hatte und wie sich das während ihrer Zeit in Wien verändert hat.

Die Zeit vergeht so schnell! Ich kann nicht glauben, dass es schon zwei Monate her ist, seit ich meinen Freiwilligeneinsatz in Wien begonnen habe. Zuerst war ich so aufgeregt – ich bin es immer noch! – und ich bewunderte immer wieder meine Umgebung. Das Büro von Grenzenlos, mein Wohnheim, das Stadtzentrum … alles sah für mich wunderbar aus. Da dies jedoch ein anderer Ort war und eine andere Kultur als in meinem Land, fühlte ich mich manchmal wie ein Fisch ohne Wasser. Zu lernen, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, war für mich zum Beispiel eine ziemliche Herausforderung, da es sehr kompliziert wirkte und ich der Typ Mensch bin, der sich sehr oft verirrt. Aber dank meinen Kollegen, Freunden und Assistenten konnte ich lernen, besser zurechtzukommen und jetzt finde ich die Orte, an die ich gehen möchte, ohne mich zu sehr zu verirren. Zumindest verliere ich mich nicht so sehr wie vorher und das ist eine tolle Verbesserung! ☺

Im ersten Monat nahm ich an einem Institut namens LOQUI an einem Deutsch-Intensivkurs teil. Meine Klasse hatte drei Schüler und wir haben viel miteinander geübt. Ich habe Grundlagen des Deutschen gelernt, vor allem im Bereich Sprechen – daher fühle ich mich jetzt wohler dabei, Deutsch mit Einheimischen zu sprechen. Es gibt Zeiten, in denen ich Probleme habe, weil ich mich nicht an Wörter oder Artikel erinnere, aber die Leute sagen mir oft, dass mein Deutsch gut ist. Das macht mich froh! Ich hoffe, dass ich in Zukunft noch besser Deutsch lernen kann!

Eine Sache, die mich an der österreichischen Kultur wirklich überraschte, war die Größe der Portionen, die in Restaurants serviert werden. Immer wenn ich mit meinen Freunden essen ging, waren die Portionen viel zu groß für eine Person, so dass wir sie oft teilten. Zum Beispiel beim On-Arrival-Training: Als wir in einem österreichischen Restaurant essen gingen, teilten wir unser Essen, damit wir überhaupt schafften, aufzuessen. Ein guter Nebeneffekt: Wenn man mit mehreren Leuten teilt, kann man viel mehr verschiedene Speisen probieren! Das, was wir haben, miteinander zu teilen, erinnert mich an Solidarität.

Da ich gerade schon von Solidarität spreche: Ich habe an verschiedenen Aktivitäten zu diesem Thema teilgenommen, beispielsweise an der Vorbereitung eines Radioprogramms und am gemeinsamen Kochen mit anderen Freiwilligen. Bevor ich mit dem Freiwilligeneinsatz begonnen habe, war Solidarität ein Begriff, der für mich negativ besetzt war, weil ich aufgrund meiner Behinderung von sozialen Aktivitäten ausgeschlossen war. Aber dank meinem Freiwilligeneinsatz und einer Umgebung voller unterstützender, freundlicher Freiwilliger änderte sich meine Meinung völlig. Wenn ich jetzt an Solidarität denke, erinnere ich mich an die Aktivitäten, an denen ich hier mitgewirkt habe, und schätze diese Momente von ganzem Herzen.

Ich bin so dankbar, dass ich mich hier freiwillig melden kann. Früher dachte ich, ich sei ein nutzloser Mensch und eine Belastung für andere in meiner Umgebung. Aber ich lerne mit solchen Gedanken der Selbstverneinung umzugehen und gebe jeden Tag mein Bestes. Zu wissen, dass meine Kollegen und Freunde mich brauchen, motiviert mich sehr. Ich fühle mich in der Lage, mich und meine Fähigkeiten zu verbessern. Vorher hatte keine Ahnung, wie man Microsoft Excel verwendet, aber jetzt kann ich es bis zu einem gewissen Grad benutzen. Überraschenderweise konnte ich sogar mein Japanisch verbessern, indem ich jeden Tag alleine übte. Ich wurde zum Japanologie-Sommerfest der Universität Wien eingeladen. Als ich mit meinem Freund dort war und mit den Leuten dort Japanisch sprach, waren sie so überrascht, dass sie mich immer wieder fragten, wie ich das nur gelernt hätte. Ich war stolz, ihnen zu erzählen, dass ich einen Grundkurs Japanisch an der Universität besucht und danach alleine weiter geübt hatte. Ich sprach auch über meinen Traum, eines Tages Japan zu besuchen, und durfte auch Karaoke singen, was mir viel Hoffnung und Selbstvertrauen gab.

Nicht zu wissen, welche Chancen ich haben und was ich tun werde, wenn mein Freiwilligeneinsatz endet, ist mein größter Kampf. Ich habe Träume, die ich verwirklichen möchte, aber ich weiß nicht, ob ich sie jemals realisieren können werde und das bedrückt mich manchmal. Meine Zeit hier hat mich jedoch gelehrt, dass ich den Moment genießen muss, anstatt in meiner Vergangenheit oder Zukunft stecken zu bleiben. Also werde ich einfach mein Bestes geben und hoffen, dass es irgendwie klappt! Mehr zu Esins Einsatzstelle unter www.melange.at